West Vancouver: Nina H.

Erstmal an alle, die noch am schwanken sind, ob sie sich in dieses Auslands-Abenteuer stürzen sollen: Macht es. Wirklich. Ich stand ungefähr genau vor einem Jahr vor derselben Entscheidung, hab mir die Berichte hier durchgelesen und bin jetzt einfach unglaublich froh, selber hier zu sitzen und von den ganzen tollen Erfahrungen und Erlebnissen erzählen zu können.

Ich bin Nina, habe ein halbes Jahr im wunderschönen West Vancouver verbracht und dort die West Vancouver Secondary School (kurz WVSS) besucht. Dass das Klischee, in Kanada ist es ständig Winter und es würde ununterbrochen schneien falsch ist, kann ich euch nur bestätigen. Es ist dort wirklich durchaus vielfältiger und in dem halben Jahr in dem ich da war hab ich auch kein einziges Mal einen Bär gesehen. Dadurch dass es direkt am Meer liegt, ist das Klima generell milder, im Sommer weniger heiß, im Winter weniger kalt, was ziemlich angenehm ist. Dafür regnet es ab November halt ununterbrochen.

Aber erst einmal von vorn: Am Ende der Sommerferien war es dann also auch für mich soweit und hieß es: Abschiednehmen. Von Freunden, der Familie, der gewohnten Umgebung, dem Alltag. Unglaublich schwer war das nicht, da die Aufregung alles andere erstmal verdrängte. Zusammen mit ca. 50 anderen iST-lern wartete ich am Frankfurter Flughafen dann darauf, dass es losging.

Der Flug verging dank Filmen ziemlich schnell aber spätestens als wir dann am Flughafen in Vancouver ankamen, fing jeder an, sich selbst und andere mit Fragen zu durchlöchern. „Wie begrüße ich meine Gastfamilie? Ich kann die ja nicht gleich umarmen? Was ist wenn die mich nicht verstehen?“ und so weiter. Wir wurden dann von einem ziemlich verplanten Shuttle-Driver abgeholt und zu unseren Gastfamilien befördert, die uns gleich mit offenen Armen empfingen. Ab da schienen all meine Sorgen unbegründet, ich wurde sofort herzlich aufgenommen und verständnisvoll behandelt. Wie viele andere Familien in West Vancouver kam meine nicht aus Kanada direkt sondern ist vor langer Zeit aus Italien immigriert. Sie bestand aus meinen Hostparents, Orazio und Rosanna, meiner Hostsister Carla und einem extrem nervigen Hund Piccolo, den außer meinem Hostdad eigentlich auch niemand richtig mochte. Das Essen war immer gut, ich glaube meinem Gastvater war es ziemlich wichtig, seine Kochkünste unter Beweis stellen zu können. Meine Angst, in irgendeiner fetten McDonalds-Familie zu landen, war dann auch weg. Trotz dem wirklich gesunden Essen und dem vielen Sport den man dort macht hab auch ich zugenommen, aber Mädels das ist vollkommen normal und nach 2 Wochen in Deutschland ist das auch ganz schnell wieder weg.

Als ich am nächsten Morgen dann aufgewacht bin, war mein erster Gedanke: 'Oh Gott was machst du hier?!' In der Anfangszeit ist es ganz wichtig, nicht zuviel zuhause rumzusitzen und Zeit zum Nachdenken zu haben, weil dann kommen garantiert die Zweifel und das Heimweh. Meine Hostmum hat mich dann herumgeführt, mir die Gegend und den 2-Minuten Weg zur Schule gezeigt. Alles kam mir so unglaublich riesig vor und ich hätte nie gedacht, dass ich mich in diesem Netz aus Straßen irgendwann einmal zurechtfinden sollte. Ähnlich war es dann mit der Schule. Ich habe nicht am Orientation teilgenommen, was ich im Nachhinein ziemlich bereut habe, weil das eine gute Möglichkeit ist, andere Internationals kennenzulernen und die ersten Eindrücke von der Stadt zu sammeln. Also wenn ihr die Chance habt, macht es!

Wie gesagt habe ich die West Van Secondary besucht und am ersten Tag bekamen wir unsere Stundenpläne ausgehändigt und mussten dann auf uns allein gestellt den Weg zu den Räumen finden. Ich bin deswegen nicht selten zu spät gekommen, aber die Lehrer sind was das angeht vollkommen verständnisvoll. Überhaupt freut sich jeder, dir helfen zu können, wenn du was nicht findest oder so. Es gibt dort Day 1 und Day 2, die sich immer abwechseln. Die Fächer rotieren auch noch mal extra, was am Anfang echt verwirrend ist. Im Allgemeinen ist das Schulsystem aber deutlich besser als in Deutschland, es wird viel mehr auf die individuelle Förderung geachtet und jeder kann für sich selbst aus einer unglaublichen Fächervielfalt wählen. Ich z.B. hatte die vier Pflichtfächer English, Science, Pre Calculus (Mathe) und P.E. (Sport), aber selbst die kann man als International abwählen und durch sogenannte Spaßfächer ersetzen. Meine waren Drama, Photography, Art und Dance und die kann ich jedem nur empfehlen. Wirklich intelligenter bin ich durch die Schule dort nicht geworden - es war in dem Sinne mehr ein halbes Jahr Urlaub - ich habe aber trotzdem viel für mich selber gelernt. Auf Kreativität und das selbstständige Denken wird viel mehr Wert gelegt als in Deutschland, was man allein schon an der Schüler-Lehrer Beziehung merkt. Der Lehrer ist mehr Freund und Helfer als Feind und die Schule mehr Spaß als Pflicht. Alles ist viel moderner, es gibt kostenloses Wlan für jeden und die Lehrer diskutieren eher mit dir über die neuesten Apps, als einen Anfall zu bekommen, sobald sie ein Handy sehen. Die Ausstattung der Schule lässt nichts zu Wünschen übrig, es gibt einen Dark- und Cooking-Room, einen eigenen 'Tech-Wing' für alles Kreative, einen Drama- und Dance-Room und eine eigene riesige Bühne, auf der wir ein paar Mal Dance-Auftritte hatten. Mein allererster Eindruck war als wäre ich in High-School-Musical gelandet und es blieb aufregend.

Was sofort auffällt, ist, dass unglaublich viele Nationalitäten vertreten sind, hauptsächlich Asiaten, Perser, Mexikaner und eben Deutsche. Das zeugt einerseits natürlich für die Weltoffenheit und es ist auch wirklich toll, Leute aus aller Welt kennenzulernen, aber erwartet nicht, dass ihr überall gleich im Mittelpunkt steht, nur weil ihr aus Deutschland kommt. Was nicht heißen soll, dass die Einstellung der Leute ist 'Och ne, noch so ein Deutscher', sondern dass man schon selber etwas dafür tun muss, Leute kennenzulernen. Ich weiß, ihr hört es fast schon zu oft, aber es ist echt wichtig, offen auf die Leute zuzugehen und einfach belanglosen Small-Talk zu führen. Das ist übrigens ein Klischee, was wirklich zutrifft. Die Kanadier sind oberflächlich. Aber genau das ist der Grund für die lockere und entspannte Freundlichkeit, die überall herrscht und sofort auffällt, wenn man vom Spießer-Deutschland in diese bunte Stadt kommt. Die Leute steigen dort mit einem fröhlichen „Thank You“ aus dem Bus und es kommt nicht selten vor, dass man auf der Straße angesprochen wird. Ihr müsst euch darauf gefasst machen, dass ihr ständig gefragt werdet, wo aus Deutschland ihr herkommt, wie es euch in Vancouver gefällt und so weiter. Neben der Offenheit sind die Kanadier unglaublich sportlich und ehrgeizig. Fast jeder spielt in irgendeinem Verein mit und egal bei welchem Wetter, man sieht immer jemanden auf den Sportplätzen. Mir persönlich hat es aber gereicht abends auf dem Seawall dem Sonnenuntergang entgegen zu joggen, was echt richtig schön ist.

Die Schule hört dort um 3 auf und da einem dann eigentlich noch der halbe Tag bevorsteht, hat man danach eigentlich immer noch etwas unternommen. Am Anfang waren wir oft am Strand und bei der nicht weit davon entfernten Shopping Mall Park Royal, die im Zentrum von West Vancouer liegt und von überall gut zu erreichen ist. Von dort fahren auch die ganzen Busse nach Downtown los.

Als das Wetter dann schlechter wurde, gab es immer noch tausend verschiedene Sachen die man machen konnte, da die Stadt einfach so vielfältig ist. Irgendwann ging dann auch die Skisaison los und auf dem 20 Minuten entfernten Cypress Mountain konnte man dann sogar noch nach der Schule fahren gehen. Das ist etwas, was man unbedingt ausprobieren sollte, selbst wenn man noch nie Skigefahren ist. Allein für den Ausblick aus dem Lift lohnt es sich und das geniale Gefühl, den Berg herunterzusausen mit ganz Vancouver und dem Meer zu Füßen lässt sich auch schwer in Worte fassen.

Am Wochenende waren meistens irgendwo irgendwelche Partys, auf denen man auch immer viele Leute kennengelernt hat und sonst hab ich mit ein paar Freunden oder eher seltener mit meiner Gastfamilie immer noch etwas unternommen. Es ist echt hilfreich, sich eine Liste zu schreiben mit allen Sachen, die man noch sehen/machen will. Das haben wir auch gemacht und dann bis zum Ende hin langsam alles abgearbeitet. Zum Beispiel sind wir nach Seattle oder Vancouver Island gefahren oder einmal über die Lions Gate Bridge gelaufen und im Stanley-Park Tandem gefahren.

Sonntag Abend war bei uns immer großes Dinner, wo die ganze Familie zusammenkam und man sich über alles Neue auf dem Laufenden hielt. Es war immer gemütlich und gab etwas zu lachen und ich habe die Abende sehr genossen. Das gemeinsame Abendessen wird dort allgemein sehr wichtig genommen und egal wohin ich ging, meine Gasteltern wollten immer wissen ob ich zum Dinner wieder da sein würde.

Mein Hauptproblem in der Zeit war das Geld. Da ich in den ersten Wochen ständig Shoppen war mit dem Gedanken: „Ich bin nur einmal hier, ich muss das ausnutzen“ und eigentlich erst danach realisiert habe, dass ich mir das vielleicht ein bisschen besser hätte einteilen sollen, wurde das gegen Ende bisschen knapp. Also achtet echt darauf, nicht gleich am Anfang schon alles rauszuhauen, später seid ihr euch dankbar.

Noch etwas, geht unbedingt zu Tim Hortons. Das ist ein Caffe-Snack-Togo Laden, ähnlich wie Starbucks, nur extrem viel günstiger und die Auswahl ist auch größer.

Viel schneller als gewollt verliefen die Monate dahin und irgendwann, kaum realisierbar kam dann auch der Abschied. Anders als bei Deutschland fiel es diesmal extrem schwer, da klar war, dass das alles nun für immer vorbei sein würde. Ich bin aber einfach nur unglaublich dankbar für diese tolle Zeit, die unzähligen Erfahrungen und Erlebnisse. Das alles kann einem niemand mehr wegnehmen und es ist echt eine Bereicherung fürs Leben. Ich bin offener, selbstständiger geworden, habe viele tolle Menschen kennengelernt, die ich alle total vermisse und dass mein Englisch natürlich besser geworden ist, ist nur Nebensache. Von dem was ich bisher von der Welt gesehen habe, ist Vancouver echt einer der schönsten Plätze. Es gibt das Meer, das von unserem Haus in fünf Minuten zu erreichen war, die nahen Berge zum Skifahren und nicht zu vergessen die wunderschöne Großstadt mit den verschiedensten Menschen und der lockeren Atmosphäre. Ein Ort, der das alles vereint ist echt selten und es lohnt sich definitiv, dort für längere Zeit zu leben.

Also Leute, macht es!

Ganz Liebe Grüße, Nina

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