Salt Spring Island: Kaja D.


10 Monate!
Die sollte ich auf der verträumten Insel Salt Spring Island im Westen Kanadas verbringen.
Bereits Monate vorher war ich aufgeregt und habe mir alles ganz genau vorgestellt. Als dann die Nachricht kam, dass eine Gastfamilie für mich gefunden wurde, konnte ich gar nicht mehr stillsitzen.
Ich hatte große Angst vor dem ersten Telefonat mit meiner Gastmutter, aber sie war sehr verständlich und super nett!
Als ich dann allerdings 5 Tage vor Abflug erfahren habe, dass meine Familie mich dort nicht vom Flughafen abholen konnte, war ich im ersten Moment sehr geschockt.
Meine Gastmutter versicherte aber, dass ich von einer Bekannten von ihr abgeholt werde, die ebenfalls eine deutsche Austauschschülerin aufnehmen werde.
5 Tage später, gegen 6 Uhr morgens war es dann soweit.
Der Abschied in Bremen zu meinen Freunden und meiner Familie ist mir sehr schwer gefallen und ich war bereits im Zweifel, ob ich die Richtige Entscheidung getroffen habe.
Sobald ich den Sicherheitscheck hinter mir hatte, habe ich schon ein anderes Mädchen mit dem roten iSt Anhänger gesehen und war sofort wieder aufgeregt.
Als ich dann auch noch erfahren habe, dass sie das Mädchen (Johanna) war, dessen Gasteltern mich mitnehmen werden, war ich erleichtert, dass ich sie angesprochen habe. Und auch sie schien froh zu sein, mich bereits gefunden zu haben.
Der Flug nach Vancouver dauerte 10 lange Stunden, mit darauffolgendem Anschlussflug nach Victoria etwas mehr.
Sobald Johanna und ich aus dem Flugzeug in die Vorhalle liefen, kamen uns ihre Gasteltern entgegen. Ein freundlich, strahlendes etwas älteres Ehepaar, das uns herzlich empfing.
Sobald wir unsere Koffer hatten, ging die Hetzerei los! Wir mussten so schnell wie möglich unsere Koffer ins Auto laden und zur Fähre fahren, da wir nur 20 Minuten Zeit hatten und die nächste erst 2 Stunden später fuhr.
Glücklicherweise haben wir es als letztes Auto auf der Fähre gerade so geschafft.
Die Fährfahrt dauerte ca. 40 Minuten und gab uns bereits einen ersten Eindruck auf die Landschaft und die vielen kleinen benachbarten Inseln.
Als wir dann endlich „Fulford Habour“ auf Salt Spring erreichten, wurde ich wieder nervös. Im Gegensatz zu Johanna kannte ich meine Gasteltern noch nicht und hatte nur eine grobe Vorstellung.
Nach ungefähr 20 minütiger Fahrt erreichten wir dann das Haus meiner Gastfamilie.
Es war ein niedliches Häuschen und meine Gasteltern standen bereits draußen und haben auf uns gewartet.
Meine Gastmutter hat mich sofort herzlich empfangen, genauso wie mein Gastvater, der aber deutlich ruhiger wirkte. Ich war immer noch sehr aufgeregt, alles war ja noch neu.
Dann verabschiedeten sich meine Gasteltern von Johannas und sie fuhr mit ihnen zu ihrem Haus.
Meine Gasteltern erklärten mir sehr viel über das Haus und wo ich was finde usw. das meiste habe ich sofort wieder vergessen.
Unser Haus war klein aber wunderschön eingerichtet.
Ich erfuhr, dass am nächsten Tag eine weitere Gastschülerin aus Japan kommen sollte, die bereits vor 2 Jahren bei meiner Familie wohnte. Mit ihr, Hana, habe ich mir dann auch ein Badezimmer geteilt.
Als nächstes zeigten sie mir mein Zimmer. Es war wirklich sehr klein, dafür aber platzsparend und schön eingerichtet. Wie ich meine beiden Koffer darin auspacken sollte war mir noch ein Rätsel, aber darum wollte ich mich noch nicht kümmern. Ich war todmüde und wollte eigentlich nur schlafen. Meine Gastmutter hat das wohl schon erahnt und hat mir dann nur noch erklärt, dass sie mir mein Mittagessen für den nächsten Tag machen würde und dass mein großer Gastbruder mich zur Schule fahren werde, da sie und mein Vater arbeiten müssen.
Damit hat sie mir dann eine Gute Nacht gewünscht und ich konnte endlich ins Bett gehen.
Vorher musste ich meiner Familie aber noch schreiben, dass ich gut angekommen bin, da sie genauso gespannt auf meine Gastfamilie und das Haus waren.

Am nächsten Morgen bin ich dann etwas früher aufgestanden, um wenigstens meinen ersten Koffer auszupacken.
Etwas später hat mich mein Gastbruder, der sich als sehr nett herausstellte, dann zur Schule zu einer Art Einführung gefahren.
Wie ich dann erfuhr, wohnten wir so nah an der „Stadt“, Ganges, dass ich sogar zu Fuß zur Schule laufen konnte.
In der Eingangshalle verließ mich dann mein Gastbruder, denn dort sollte diese Einführung stattfinden. Es waren bereits ca. 15 andere Deutsche und einige Erwachsene da. Ich musste mir einen großen Stapel an Papieren und Umschlägen und so weiter nehmen und mir dann einen Platz suchen.
Etwas später kam dann auch Johanna, leider war neben mir kein Platz mehr frei und sie setzte sich woanders hin.
Ein paar Minuten später trudelten dann auch die letzten ein und wir konnten beginnen.
Die Sprecherin stellte sich als Sheri vor, sie war unsere Ansprechpartnerin. Daneben war Liis, sie war für die sog. Internationals, also die Austauschschüler zuständig. Gemeinsam erklärten sie uns, wie die Schule so ablief.
Zwischen all meinen Zetteln fand ich dann auch die Beschreibung meiner Fächer.
An der GISS (Gulf Islands Secondary School) gab es 4 verschiedene Fächer. Meine waren Media Arts (Fotografie etc.), Englisch, Kunst und Französisch im 2. Halbjahr hatte ich dann Cafeteria, Kunst, Tanzen und Spanisch.
Die Schulzeiten waren von 9-16:15 Uhr von montags bis donnerstags. Freitag war frei!
Liis und Sheri führten uns in der Schule herum und zeigten uns unsere Schließfächer und wie man sie öffnet. So gut wie keiner konnte sein Schließfach eigenständig öffnen, ich habe ein halbes Jahr dafür gebraucht. Zufälligerweise befanden sich Johannas und mein Schließfach direkt nebeneinander.
Die Schule war echt beeindruckend. Es gab eine große Bibliothek mit angeschlossenen Computerräumen, außerdem einen Media Arts Raum, ebenfalls mit Computern ausgestattet und komplett mit Fotos vollgehängt. Dann gab es einen riesigen Werkraum mit professionellen Sägen und Schleifgeräten usw. Die Cafeteria war sehr schön und dort war es so, dass man Cafeteria als Fach wählen konnte und dann eben das Essen für die Schüler in der Mittagspause vorbereitet. Außerdem hatte meine Schule eine große Sporthalle mit angeschlossenem eigenem Fitnessraum, mit Rudergeräten und Beinpressen usw.
Die Chemieräume waren top ausgestattet und alle Klassenräume hatten Fenster zum Flur hinaus. Es gab außerdem einen Tanzraum und die große Eingangshalle.
Alles in allem war die Schule wirklich eindrucksvoll.
Nach unserer Führung verabschiedeten sich Liis und Sheri von uns und wir wurden alle wieder abgeholt.
Auch mein Gastbruder kam und fuhr mich nach Hause.
Dort traf ich dann zum ersten Mal Hana. Sie kannte meine Familie ja bereits und fühlte sich sofort wie zu Hause. Aber auch zu mir war sie sehr freundlich.
Ich redete ein bisschen mit ihr und entschuldigte mich dann, um meinen Koffer auszupacken.
Wie meine Gastmutter mir erklärte, isst jeder für sich sein Frühstück und nimmt jeder für sich sein Mittagessen für den Tag mit, oder kauft sich eben etwas. Nur das Abendessen war Familiensache. Es gab jeden Abend gemeinsames Essen.
Am nächsten Morgen war dann mein erster Schultag.
Natürlich habe ich verschlafen und musste dann zur Schule rennen.
Glücklicherweise habe ich meinen Kursraum sofort gefunden. Und ich hatte Glück! Bereits in meinem ersten Kurs kannte ich einige der Internationals. Johanna und Jana hatten beide ebenfalls den Kurs Media Arts gewählt.
Wie es sich dann herausstellte, hatten Johanna und ich 3 unserer 4 Fächer zusammen, was uns von dem Punkt an unzertrennlich machte.
In meinem Englischkurs habe ich dann auch eine kanadische Freundin kennengelernt. Sie stellte mich dann auch ihren Freunden vor.
Nach ungefähr einem Monat habe ich dann Harry kennengelernt.
Wir haben uns des Öfteren getroffen. Er hat mir viele, mir damals unbekannte Teile der Insel gezeigt. Harry war ebenfalls ein International, aus Taiwan. Auch mit Johanna hat er sich gut verstanden und oft haben wir uns zu dritt getroffen.
 Einmal sind Harry und ich  sogar für einen Tagestrip nach Vancouver gefahren, mit der 2-Stunden-Fähre von Victoria aus morgens um 6 Uhr hin und dann mit der 3-Stunden-Fähre abends nach Salt Spring zurück!

Jeden Freitag im ersten Halbjahr gab es dann das Eco-Adventure Program, für die Internationals. Wir sind dann Kajak gefahren, waren Bergwandern, Kanu fahren haben Lagerfeuer gemacht und nebenbei viel über die Umwelt und das Leben in Kanada von Jack, dem Guide, gelernt.
 Ich habe mich dann mit Johanna zusammen noch für andere Fahrten mit Jack angemeldet. So sind wir zum Beispiel im Vollmond Kajak fahren gegangen und waren Surfen in Tofino, was ich unbedingt jedem empfehlen würde!
Auch von der Schule wurden verschiedene Trips angeboten. Ich war über Wochenendfahrten in Whistler zum Skifahren und habe mir Vancouver und Seattle angeguckt! Diese Trips sind wirklich zu empfehlen. Ich hätte echt etwas verpasst, wenn ich nicht mitgefahren wäre.

Nach und nach habe ich mich immer besser mit Johanna, Jana, Berit und Sophie angefreundet. Wir haben uns jedes Wochenende getroffen. Sie hatten allerdings nicht das Glück, so wie ich, so nah an der Stadt zu wohnen und mussten oft von ihren Gastfamilien gefahren werden.
Auf der Insel gab es seit einigen Jahren ein Bussystem. Bei den Bussen ist es so, dass man sich einfach irgendwo wo der Bus vorbeifährt an die Straße stellt und dann winkt, wenn er kommt. Man kann dann einsteigen und für 2.25$ mitfahren. Wenn man aussteigen will, zieht man einfach an einer Leine und der Bus hält.
Ich hatte nun das Glück jederzeit in die Stadt laufen zu können und einfach in den Bus zu steigen.
Oft haben wir uns aber auch einfach in der kleinen Stadt getroffen und uns in den Coffee Shop „Salt Spring Coffee“ gesetzt. Dort gab es die besten Brownies, die ich jemals gegessen habe!
In der Sommerzeit war jeden Samstag Markt in der Stadt.
Der sogenannte Saturday Market war immer gut besucht und man konnte dort alles von Marmelade bis Strickzeug finden.

Oft sind wir auch am Wochenende nach Victoria, der nächsten größeren Stadt gefahren. Dazu musste man aber erst einmal zur Fährstation, dann Fähre fahren und anschließend noch 1 Stunde Busfahrt hinter sich bringen.
In Victoria gab es ein Uptown und ein Downtown, oft sind wir erst nach Downtown (Innenstadt) und dann nach Uptown in ein Einkaufszentrum gefahren.

Nach einiger Zeit haben Johanna, Berit und ich uns dann entschlossen eine Sportart zu machen. Da wir es noch nie gemacht haben, haben wir uns für das Rudern entschieden. Es gab nach der Schule ein Treffen für alle interessierten Schüler, zu dem wir dann auch gingen. Kurze Zeit später waren wir im Anfängerruderteam!
Am Anfang waren wir nur in der Schule auf den Rudergeräten, um ein grobes Gefühl für die Bewegung zu bekommen. Später sind wir dann nach der Schule auf den See gefahren und waren dort rudern. Ich muss sagen, es hat echt Spaß gemacht, aber zum Rudern gehört noch mehr als nur einfach im Boot zu sitzen. Man muss das Boot ins Wasser tragen und die Ruder befestigen, bevor es losgeht. Mein erstes Mal auf dem Wasser war mir unheimlich, die Boote sind sehr schmal bieten wenig Wiederstand.
Nach einem dreiviertel Jahr habe ich dann mit dem Rudern aufgehört und mich bei dem kleinen Fitnessstudio der Insel angemeldet.

Das erste gemeinsame Fest, das ich mit meiner Gastfamilie gefeiert habe war Thanksgiving. Dazu wurde fast die gesamte Familie eingeladen und es gab ein riesiges Truthahndinner! Das Essen war super lecker und ich war glücklich, auch den Rest meiner Gastfamilie kennenzulernen. Wir haben viel gegessen, gespielt und geredet und es war ein sehr schöner Abend.

Etwas Angst hatte ich vor Weihnachten. Es war mein erstes Mal, ohne meine Familie und komplett anders als zu Hause.
In Kanada feiert man Weihnachten nicht am Abend des 24., sondern am Morgen des 25. Dezembers.
Lange habe ich mir Gedanken gemacht, was ich meiner Familie denn schenken soll und dann in dem großen Bastelladen „Michaels“, in Victoria Hilfe gefunden!
Als erstes gab es morgens bei uns ein großes Weihnachtsfrühstück.
Danach ging es dann an die Geschenke! Meine Gastmutter hatte für jeden große Socken am Ofen hängen und es lagen ebenfalls Geschenke unterm gut geschmückten Weihnachtsbaum. Ich war überglücklich über die Geschenke von meiner Gastfamilie.
Nachmittags ist dann wieder der Rest der Familie gekommen und es gab wieder einmal ein leckeres Truthahndinner!
Dadurch, dass Weihnachten in Kanada so anders ist, hatte ich fast gar keine Zeit meine Familie zu vermissen und war viel zu aufgeregt dafür.
Mit meiner Familie habe ich natürlich oft geskypt, sogar mehrmals die Woche, es passte zeitlich immer perfekt, mal eben vor der Schule noch eine halbe Stunde zu skypen. Auch an Weihnachten und Sylvester habe ich das gemacht.

Sylvester in Kanada war ebenfalls komplett anders. Da dort Feuerwerk nicht erlaubt ist, haben wir es nur im Fernsehen gesehen und uns dann einen schönen Abend mit Spielen und gutem Essen gemacht.

Da Johanna an Neujahr Geburtstag hatte, bin ich gleich am nächsten Morgen mit dem Bus zu ihr gefahren.
Sie hat mich, Jana und Berit dann überredet beim „New Years Swim“ mitzumachen. Das bedeutet wir sind alle zusammen an Neujahr mit ungefähr 50 anderen ins Meer gerannt!
Es war eiskalt, aber die Erfahrung unbedingt wert!
Danach gab es dann warme Waffeln bei Johannas Gastfamilie.

Etwas später war dann auch mein Geburtstag.
Als ich nachmittags aus der Schule kam, war mein Stuhl von meiner Gastfamilie geschmückt. Ich durfte mir das Abendessen aussuchen, und meine Gastmutter hatte von einer Bäckerei eine Schokoladen-Erdnussbutter Torte bestellt, die wir dann mit Schokoladenerdnussbuttereis gegessen haben.
Danach durfte ich dann meine Geschenke auspacken.
Auch von meiner richtigen Familie habe ich ein Paket bekommen.
Ich war überglücklich über all die Geschenke und es war einfach ein wunderbarer Tag.

Aber obwohl ich ganze 10 Monate in Kanada verbracht habe, ging auch diese Zeit um.
Da ich sehr viel Gepäck hatte, musste ich mir bei Wal-Mart noch einen dritten Koffer kaufen, um alles einpacken zu können. Der Abschied von meiner Familie und meinen Freunden fiel mir schwer. Aber trotzdem war ich froh nach so langer Zeit meine Familie wieder zu sehen.

Ich könnte jetzt noch viel mehr erzählen und habe mit Sicherheit eine Menge vergessen, aber alles passt hier nicht hin.
In Kanada habe ich das schönste Jahr meines bisherigen Lebens verbracht. Ich habe Freunde fürs Leben gefunden. Zu Harry habe ich noch Kontakt, er studiert jetzt in Paris.
Ich bin unendlich froh diese Chance ergriffen zu haben und kann allen nur empfehlen, es genauso zu tun!