Pitt Meadows: Jil S.

Hallo, ich bin Jil S. und ich war für drei Monate in Kanada in einem kleinen Ort am Rand von Vancouver mit dem Namen Pitt Meadows. Vor über einem Jahr bin ich mit meinen 14 Jahren, einem bis zum Limit vollgepackten Koffer und der Ungewissheit über das was mich erwarten würde, nach Frankfurt zum Flughafen gefahren. Das war wohl das Verrückteste was ich je gemacht habe. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wie meine Familie aussehen wird, ob ich Freunde finden würde oder ob die ganze Aktion einfach nur ein großer, unüberlegter Fehler war- ich wusste einfach gar nichts und genau das war das Schöne daran.

Warum gerade Kanada? Ich weiß es nicht mehr. Im Sommer, bevor ich geflogen bin, habe ich zum ersten Mal einen Katalog von iSt in den Händen gehalten und wusste einfach aus dem Bauchgefühl heraus, dass Pitt Meadows ein guter Ort wäre für einen High School Aufenthalt. Ich musste meine Eltern ziemlich lange davon überzeugen, aber nachdem ich das erste Telefonat mit der Organisation hatte, ging eigentlich alles ziemlich schnell und unkompliziert und schon hatte ich eine erste Postkarte von meiner Gastfamilie unterm Weihnachtsbaum. Von da an habe ich jeden Tag gezählt, bis es endlich auf die große Reise ging.

Obwohl es jetzt schon relativ lange her ist, kann ich mich trotzdem noch im Detail daran erinnern, wie es war, plötzlich auf der anderen Seite der Welt zu stehen und auf meinen Shuttlebus nach Pitt Meadows zu warten. Und nach ein paar Minuten, gefühlten Ewigkeiten, kam ich total übermüdet bei meiner Gastfamilie an. Meine Gastmutter hat mich mit ihren zwei Kindern (4 Jahre und 1 Jahr alt) abgeholt und in mein neues Zuhause gebracht, ganz nah an meiner Schule, der Pitt Meadows Secondary School.

In der darauf folgenenden Woche habe ich ziemlich an meiner Entscheidung gezweifelt. Mein Jetlag und die Tatsache, dass alles neu war und ich noch nicht so wirklich feste Freunde in der Schule gefunden hatte, haben natürlich dazu beigetragen. Genauso wie der Gedanke, dass ich drei Monate weder meine deutsche Familie, noch meine Freunde sehen werde. Besonders fehl am Platz habe ich mich in der Schule gefühlt, während der Lunch Pause. Jeder hatte seine Gruppe und ich war mehr oder weniger allein, nur mit einer anderen Deutschen, Laura.

Wenn ich jetzt noch einmal darüber nachdenke, wie verloren ich mich gefühlt habe, ist es echt verrückt, wie sich das alles in der zweiten Woche geändert hat. Laura ist mir in der ganzen Zeit sehr ans Herz gewachsen, ich habe sie dort jeden Tag gesehen und selbst heute schreibe ich noch regelmäßig Briefe mit ihr und plane, sie bald zu besuchen.

In Mails an meine deutschen Angehörigen überschlagen sich, nach der ersten Woche, Adjektive wie ´großartig´ ´wahnsinnig´ und ´perfekt´.

Allein schon die Schulfächer waren sehr entspannt und in Deutschland undenkbar. Ich hatte acht Schulfächer und neben ´Math´, ´Science´, ´Social Studies´ und ´English´ konnte ich mir den Rest aussuchen. Das endete dann bei ´Concert Choir´, ´Drama´, ´Physical Education´ und ´French´, was ich aber später zu ´Cooking´ umgewählt habe, weil mich der Wechsel zwischen Deutsch, Englisch und Französisch ziemlich durcheinander gebracht hat. Insgesamt ist mir aufgefallen, dass die Ansprüche in der kanadischen Secondary School wesentlich niedriger sind als in Deutschland auf einem Gymnasium.

Aber mein Ziel war es ja auch nicht möglichst viel für die Schule zu tun, während ich in dem schönsten Land überhaupt bin. Im Gegenteil habe ich mir als Ziel vorgenommen, jeden Tag etwas Neues zu erleben, so dass ich am Ende das Gefühl hatte, jede Minute sinnvoll zu nutzen.
Und so unrealistisch das auch klingen mag, aber ich habe wirklich an jedem Tag etwas unternommen, egal ob mit den anderen ´Internationals´, den waschechten Kanadiern oder mit meiner Gastfamilie. Jeder Tag war für mich etwas Besonderes und ich würde keinen davon wieder hergeben.

Ich kann und will hier definitiv nicht alles erzählen was ich gemacht habe, denn das wäre nicht in einem Text zusammenzufassen. Aber ich kann ein paar Beispiele geben die zeigen, was für wunderbare Sachen man in Vancouver und der Umgebung erleben kann. Zum Beispiel war ich mit Laura und ihrer Gastfamilie während der Osterferien in Whistler (dem Skiort der Olympischen Winterspiele 2010) zum Ski fahren und Campen, auf einem Coldplay Konzert, Snowtubing mit allen Austauschschülern, mehrfach Ski fahren direkt in Vancouver, das erste Mal in den USA in Bellingham, bei einem ´Giants´ Eishockey Spiel, mit meiner Gastfamilie und zwei Freundinnen für eine Woche in Seattle, Laser Tag und Squash spielen, habe St. Patricks-Day, Ostern, Valentinstag und Super Bowl-Sonntag dort gefeiert, war in Granville Island und bei der Capilano Bridge…

Meine Kamera war mein stetiger Begleiter, insgesamt habe ich über 3.000 Bilder mit nach Hause genommen und etliche Videos. Und mit jedem Einzelnen verbinde ich eine schöne, spannende, traurige oder einfach nur witzige Erfahrung. Und ich weiß auch, dass Vancouver mein erstes Ziel sein wird, sobald ich genug Geld für den Flug zusammen habe. Denn diese Natürlichkeit und Schönheit dieses Landes kann man in keinem Erfahrungsbericht zusammenfassen.
Nebenbei hatte ich natürlich noch meinen Alltag. Schule ging täglich bis 14.40 Uhr, montags war ich beim Yoga und dienstags beim Turnen direkt in Pitt Meadows. Mittwochs hatte ich dann noch Fußballtraining als AG an der Schule. Außerdem wurde ich nebenbei rund um die Uhr mit Englisch konfrontiert. Dort habe ich mehr gelernt als in acht Jahren Englischunterricht.

Ich weiß nicht, wie mein Leben jetzt wäre, wenn ich nicht in Kanada gewesen wäre, aber ich bin mir sicher, dass diese drei Monate einen offeneren Menschen aus mir gemacht haben, sowohl für andere Sprachen und Kulturen, als auch für fremde Personen.

Die meisten werden sich vielleicht denken, dass es sich nicht lohnt, für drei Monate in ein anderes Land zu reisen, doch ich kann mit Stolz das Gegenteil beweisen. Denn ich weiß, dass ich jetzt auf der anderen Seite der Welt mein zweites Zuhause habe und immer wieder herzlich willkommen bin, in dem nun vertrauten Örtchen Pitt Meadows, bei der wohl besten Gastfamilie, die man sich vorstellen kann.

Wer auch immer diese Chance hat, einen Austausch zu machen, wäre verrückt, den ganzen Spaß und all die positiven und negativen Erfahrungen an sich vorbei gehen zu lassen. Denn wenn mich jetzt jemand fragt, was das Beste war, was ich erlebt habe, erscheint mir direkt mein kanadisches Leben mit der anderen Familie, den anderen Freunden, dem anderen Alltag und dem anderen Ich vor Augen. Und jedes Mal wenn ich das Wort ´Kanada´ höre, muss ich lächeln und wünschte, ich wäre wieder dort.

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