Salt Spring Island: Luisa Parentin

A Journey of thousand miles begins with a single step (Laotse)

Kann eine Entscheidung dein Leben verändern? Kann eine Reise dir zeigen, wer du bist? Reicht ein Jahr um unabhängig zu werden? JA, JA, JA! Die Entscheidung mein elftes Schuljahr in Kanada zu verbringen, hat mein Leben verändert. Von allem Abschied nehmen, was dir wichtig ist: Familie, Freunde, zu Hause und auch der Sprache, den Freitagabenden, den Bussen und Straßenbahnen, einfach der ganzen Stadt. Alles neu! Die letzten Tage in Deutschland waren echt anstrengend, und ich habe erst am 30. August, meinem letzten Tag, realisiert, dass ich jetzt für ein Jahr Chemnitz nicht mehr sehen werde. Komisches Gefühl… Auf einer Seite war ich superaufgeregt, aber auch fast panisch, weil man ja wirklich mit einem Mal ins kalte Wasser geworfen wird und aufpassen muss, dass man nicht untergeht. An meinem letzten Tag habe ich meine Freunde ein letztes Mal am Abend getroffen und dann musste ich noch meinen riesigen Koffer zu Ende packen.

An einem Donnerstag früh, dem ersten September, begleiteten mich meine Eltern und mein Bruder zum Dresdner Flughafen. Es war ein schneller Abschied, denn ich muss ehrlich zugeben, dass ich noch mehr Abschiedsszenen schwer ertragen konnte. Zu meiner Überraschung ich war unglaublich aufgeregt und kein bisschen traurig, obwohl ich meine Familie natürlich total lieb habe. Ich wollte nur eins: nach Kanada fliegen! „Meine Damen und Herren, wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug, falls sie noch Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unsere Flugbegleiter.“ Und die Maschine hebt ab…

In Vancouver musste ich durch die ganzen Checks für „immigration“, das hat so lange gedauert, dass ich fast den Anschlussflug verpasst hätte, außerdem sind die Sicherheitsbeamten dort echt nicht gerade nett und unsere Betreuer haben uns auch richtig Angst gemacht, weil sie gesagt haben, dass man die Menschen, die in der Einreisebehörde arbeiten, nicht anlächeln darf. Nach einem 10-Stunden-Flug und einem schönen Jetlag möchte man aber auch nicht wirklich lächelnd in dieser Schlange stehen.

Zirca 8 andere Schüler sind mit mir nach Victoria geflogen, wo wir unsere Gastfamilien zum ersten Mal treffen sollten. Das war definitiv etwas wovor ich Angst hatte. Ich war so schon durch die Sprache und die Entfernung von zu Hause total eingeschüchtert. Bei meiner ersten Übergangshostfamily (Gloria und Scott) sollte ich nur für eine Woche leben, weil meine „echten“ Hostparents auf einer Hochzeit im Norden Kanadas waren. Die erste Woche war schlimm und ehrlich gesagt hatte ich wirkich Heimweh, aber als dann die Schule losging, wurde es besser und dann sind meine Gastschwester und ich auch schon am Dienstag umgezogen in den Sunset Drive. Für mich war das der eigentlich Start meines Highschoolyears…

Meine Hostmum, Susan, ist eine der besten Köche, die ich kenne. Sie ist eine unglaublich liebe Person, die alles für uns gemacht hat. Mein Hostdad war genauso, seine Kochkünste befanden sich zwar eher im Anfängerniveau, aber er war ein richtiger Spaßvogel. Nie ernst, überall Ironie und immer gut drauf. Beide waren einfach nur DIE perfekten Hostparents. Meine Hostsister kam aus Japan und hat immer gelächelt und war total süß. Statt eines kleinen Bruders hatte ich jetzt 3 ältere Schwestern und zwei ältere Brüder. Kurz gesagt, meine Familie war perfekt!

Statt 5 Tagen, hatte ich hier nur 4 Tage Schule, weil manche Schüler mit der Fähre oder Booten von den umliegenden kleineren Inseln nach Saltspring kommen und so sparen wir Kraftstoff. Die Schule geht dafür zwar länger, aber von 9:00 bis um 4:15 ist nicht gerade lang. Das war übrigens auch sehr entspannend, jeden Tag bis um 7:30 zu schlafen und dann um 8:20 den Schulbus nehmen, das ist fast wie jeden Tag Wochenende. Außer manchmal hatte ich früh Schwimmtraining und dann im zweiten Semester Chor jeden Dienstag und Donnerstag. (Der Chor ist wirklich sehr fortgeschritten und es lohnt sich dort mitzumachen. Allerdings muss man erst eine Art Prüfung machen und man muss auch zu Hause ein wenig üben.) Ansonsten konnte ich früh immer den Schulbus nehmen, der übrigens wirklich so aussieht wie in Filmen und es ist immer schön warm dort drin. Dann haben wir auch jeden Tag die gleichen 5 Fächer, nur in einer anderen Reihenfolge. Die Kurse wechseln pro Semester man hat also insgesamt in einem Jahr 10 verschiedene Kurse, allerdings ist immer einer von den 5 Kursen eine sogenannte „Workzone“, wo man individuell Hausaufgaben machen oder lernen kann. Da ich das Schuljahr sowieso wiederholen musste und Zensuren („Credits“) keine wirkliche Rolle spielten, konnte ich jeden Kurs nehmen, den ich wollte, also hatte ich im ersten Semester English 11, Math 11, Workzone, PE 11 (Sport) und Dance. Die Zahl hinter dem Kurs zeigt die Klassenstufe, für die der Kurs gedacht ist. Bei naturwissenschaftlichen Fächern ist jedoch für deutsche Austauschschüler empfohlen, das nächsthöhere Level des Kurses zu nehmen. Aus Vorbereitung auf die Elf in Deutschland habe ich im zweiten Semester also Calculus 12 (höchste Stufe von Mathe), Chemistry 12, Workzone, DL Spanish und Music Composition gewählt.

In Dance und Music hatten wir am Ende des Semesters eine Show. Für alle anderen Kurse gab es ein Final Exam. Man musste in der letzten Woche also nur in die Schule gehen, wenn man ein Exam hatte, ansonsten konnte man auch zu Hause lernen. Kurzzeitig hatten wir sogar mal die Hoffnung, dass unsere „examweek“ verschoben wird, weil es eine Woche davor plötzlich viel Schnee gab. Die Schulbusse sind nicht gefahren und wir hatten schulfrei. Es war unser erster und letzter Schnee und nach 2 Tagen war der Winter schon wieder vorbei… Obwohl wir Glück hatten, dass es überhaupt Schnee gab, weil eigentlich schneit es hier nur alle paar Jahre. Und außerdem gibt es ja immer noch Mount Washington, der nur 3 Stunden entfernt liegt. Der Dezember war einer der schönsten Monate für mich, zum einen, weil es Weihnachtszeit ist und damit die schönste Zeit im Jahr und außerdem weil ich mit den anderen Austauschschülern nach Whistler gefahren bin und es war wirklich unglaublich. Dieses riesige Skigebiet mit hunderten von Pisten und daneben das kleine, weihnachtliche Whistler Village. Wenn der Weihnachtsmann irgendwo auf der Welt wohnt, dann dort.

Die Weihnachtszeit war sowieso wundervoll, denn in Nordamerika sind die Traditionen ja ganz anders. Am 24.12. abends haben Emi und ich Cookies und Milch für Santa rausgestellt und am nächsten Morgen waren unsere „Stockings“ (die großen Socken, die man vor den Kamin hängt) voller Geschenke. An aller erster Stelle steht an Tagen wie Thanksgiving oder Weihnachten jedoch die Familie. Kanadier legen großen Wert auf Familienzusammenhalt. Zweiter Schwerpunkt ist auch das große Festmahl, das es zu jedem nur möglichen Feiertag gibt. Wie kann man da auch nicht zunehmen?! Aber mal abgesehen von diesem kleinen Problem war es das bis jetzt beste Jahr meines Lebens. Ich habe Freunde weltweit: in Mexiko, Chile, Frankreich, Indonesien, Spanien, Japan, China, Brasilien und Kanada natürlich. Außerdem habe ich definitiv mein Englisch verbessert. Aber vor allem die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich hatte sind unbezahlbar. Ich bin so froh, dass ich die Möglichkeit hatte dieses Jahr in Kanada zu erleben, auch wenn der Abschied so schwer fällt. Der Abschied von meiner Gastfamilie war der schlimmste Tag meines Lebens. Ich bin schon seit zwei Monaten zurück und vermisse sie immer noch mehr als alles andere, genauso schlimm wie meine Gastschwester. Trotzdem kann ich es nur jedem empfehlen, weil man sich extrem verändert – zum Positiven. Jede Hürde, jedes Problem lässt einen wachsen, bis man schließlich so groß ist, dass man auf die schlechten Zeiten nur noch herabschaut und lacht…

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