Victoria: Leonie L.

Mein Victoria-AbenteuerAn dem Abend vor meinem Flug waren nochmal alle meine Freundinnen mit Kuchen, Fotoalben und Plakaten da. Ich hab so viel geweint wie noch nie an diesem und dem nächsten Tag. Es war schrecklich zu wissen man kann seine Besten ein halbes Jahr nicht in den Arm nehmen und sie nur via Webcam sehen. Und auch als es in der Nacht zum Flughafen ging hab ich noch geweint. Meine beste Freundin, meine Eltern und ein guter Freund waren nachts um 4 Uhr dabei als ich mich dann endgültig verabschieden musste. Ich war irgendwie spät dran und auf einmal ging alles ganz schnell. Ich stand hinter der Sicherheitskontrolle und war irgendwie plötzlich total allein und hätte mir nichts sehnlicher gewünscht als zurück zu meiner Familie zu gehen, doch da musste ich jetzt durch. Ich lernte direkt auf meinem ersten Flug von Düsseldorf nach Frankfurt zwei nette Leute kennen, die auch mit iSt nach Kanada gingen. Durch rote Anhänger am Koffer erkannte man sich gegenseitig sofort und so machten wir uns gemeinsam auf den Weg in die große weite Welt.

In Frankfurt trafen wir dann auf etwa 20 andere junge Leute die das gleiche Vorhaben hatten wie wir. Außerdem war ein Returnee da. Er war total nett und erzählte von seinem Trip nach Kanada, er wollte seine Gastfamilie dort besuchen und begleitete uns deswegen. Auf dem Flug nach Calgary (wo wir 6 Stunden warten mussten) flossen bei allen noch ein paar Tränen, doch die anfängliche Angst legte sich und wurde zu positiver Aufregung. Ich lernte ein paar Mädels kennen, die auch mit mir auf die Claremont Secondary School gingen, so fühlte ich mich gleich etwas sicherer und habe versucht etwas zu schlafen im Flugzeug.

Als wir in Calgary ankamen war ich dann ausgeschlafen und hatte auch keine Tränen mehr. Die Wartezeit ging schnell vorbei. Alle holten ihr Laptop raus und skypten mit zu Hause, meine Eltern waren natürlich nicht auf die Idee gekommen zu Hause zu bleiben. Das war aber nicht so schlimm. Auf dem Mädelsklo wurden noch schnell alle Schminksachen ausgebreitet und es wurde sich gemeinschaftlich fertig gemacht, damit man nicht wie eine Leiche bei seiner neuen Familie ankam.

Am Flughafen in Victoria traf ich dann meine neue Familie und schloss sie gleich ins Herz. Mein kleiner Gastbruder Nick (7 Jahre) fing auf der Rückfahrt gleich an drauf los zu reden und ich verstand am Anfang nur Bahnhof, doch das legte sich schnell. Mir wurde das Haus gezeigt, und am Abend war gleich ein Familienessen geplant. Ich packte schnell meine Sachen aus und machte mich hübsch, schließlich möchte man ja einen guten Eindruck erwecken. Der Familienhund Scrufty hat mich auch sofort akzeptiert und mich in den folgenden Wochen ziemlich auf Trab gehalten. Das Essen war super und die Familie supernett. Ich wurde direkt aufgenommen und auch mein Englisch wurde von Tag zu Tag besser.
Der erste Schultag war echt aufregend, also der erste Schultag war eigentlich der zweite, am ersten Schultag gab es nur eine Schulführung durch die in meinen Augen komplett unlogisch aufgeteilte und unübersichtliche High School. Die Schule sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hab, wie eine amerikanische High School aus dem Film. Nach einigen Tagen hatte ich meine Wunschfächer gewählt und war auch im Schulalltag total drin. Dadurch, dass in der Schule viele "Internationals" sind gab es bestimmte Lehrer die sich um dich kümmerten, wenn es Probleme gab, aber bei mir gab es eigentlich nie Schwierigkeiten. Es gab viele Deutsche (etwa 20) und so war man auch an den Nachmittagen und Wochenenden nie alleine. Kanadier kommen kaum auf dich zu, für die ist das nichts Besonderes, dass man aus einem anderen Land kommt. Doch auch die Scheu Kanadiern gegenüber war bald Vergangenheit und ich hatte meine "Clique" gefunden. Auch mit den Deutschen wurde noch etwas gemacht, aber ich wollte ja Englisch lernen.

Schon bald stellte sich heraus, dass die Schule bekannt für eine gute Rudermannschaft ist. Ich wollte das Rudern auch unbedingt ausprobieren, und so landete ich beim Rudern. Bei viermal Training in der Woche sind schon einige Nachmittage verplant, doch auch beim Rudern fand ich neue Freunde und wir waren schließlich auch fünf deutsche Ruderer. Ich hatte bald die Möglichkeit nicht nur zu Rudern sondern durch meine kleine Körpergröße Steuermann zu sein. Daran hatte ich auch total viel Spaß.

Viel zu schnell war "Thanksgiving", Weihnachten, Silvester und eigentlich das ganze Halbjahr vorbei. Weihnachten war nochmal total spannend, aber ich hatte auch ein wenig Bedenken: so ganz von der eigenen Familie weg? Ich hatte das Glück, dass meine Familie erstens sehr groß und sehr nett war (6 Tanten und Onkels mit Kindern und deren Kindern) und zweitens mein Onkel am 26. Dezember geheiratet hat. Es war ein wunderschönes und großes Fest, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte.

Schon bald hieß es Abschied nehmen. Es war ein schreckliches Gefühl, denn von zu Hause ist man weg gegangen mit dem Gedanken, dass man in 5 Monaten wieder da ist, doch hier ging man weg mit dem Wissen das man nie wieder in dieses Leben zurückkehren wird. Meine Omi hat schon eine Woche vor dem Flug angefangen zu weinen, ich hab sie so ins Herz geschlossen (da ich auch nur noch eine deutsche Oma habe). Wir sind nochmal mit der ganzen Familie essen gegangen am Tag bevor ich nach Deutschland geflogen bin. Am Flughafen hab ich noch viel mehr geweint als auf dem Hinflug. Mein kleiner Bruder und meine Gastmutter haben total geweint und mich schon für den Herbst eingeladen. Im Herbst werde ich wirklich nach Kanada zurück fliegen und darauf freue ich mich schon total. Ich kann nur sagen: Kanada war die Zeit meines Lebens und ich kann es jedem empfehlen!

Leonie L.

Claremont Secondary School, Victoria, British Columbia

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