West Vancouver: Berit F.

Schule zwischen Schnee und Meer - Mein halbes Jahr in Kanada

Kanada? Ist das nicht dieser eiskalte Fleck über Amerika, auf dem es außer Elchen nicht viel gibt? So oder ähnlich assoziieren die Meisten von uns das scheinbar riesige Land zwischen Polarmeer und den Sykomorenwäldern im Süden. Doch Kanada steht längst nicht mehr im Schatten der USA. Nach knapp sechs Monaten auf kanadischem Boden habe ich viel über die Menschen dort aber auch das Land selbst gelernt, welches mehr zu bieten hat, als so mancher vielleicht denkt.

Ende Januar letzten Jahres war es so weit. Ich saß mit ca. 60 Schülern aus ganz Deutschland am Frankfurter Flughafen, von dem aus wir mit zwei Flugbegleitern Richtung Vancouver fliegen sollten. Alle waren sehr angespannt, doch schon nach kurzer Zeit wich die Nervosität einer großen Vorfreude auf die kommende Zeit. Der zehnstündige Flug ging mit ein paar Filmen und der wichtigen Frage "Wie begrüße Ich meine Gastfamilie?" (Ihr glaubt gar nicht wie kompliziert das sein kann!!) relativ schnell vorbei.

Angekommen in Vancouver wurden wir samt Gepäck auf Pickups gesetzt und nach West Vancouver zu unserem neuen zu Hause gefahren. Meine Gastfamilie bestand aus Hostdad Mark, Hostmum Susan, den Kindern Miranda, Aaron und Leticia, einer Austauschschülerin aus Madrid. Alle waren von Anfang an super nett und haben sich darum gekümmert, dass ich mich im "everyday life" gut zurechtfinde. Meine Angst, irgendwelche Wörter nicht zu wissen oder mich nicht ausdrücken zu können, war schon nach ein paar Tagen nicht mehr vorhanden. Man lernt schnell, Dinge zu umschreiben. Irgendwann musste ich mich kaum mehr konzentrieren und Gespräche machten plötzlich Spaß. Doch zurück zum Alltag. Nachdem der Jetlag einigermaßen überstanden war, hatte mich der Ernst des Lebens, auch bekannt als "Schule" wieder. Die Sentinel Secondary School liegt weit oben am Cypress Mountain und war deshalb nur mit dem Bus zu erreichen. Fahrradfahren war wegen des steilen Anstiegs leider nicht möglich.

Doch auch die Fahrt mit dem quietschgelben amerikanischen Schulbus gehörte einfach dazu. Dort angekommen stand nach ungefähr 50 Formularen das Wählen meiner Schulfächer an. Der Schulalltag in Kanada ist komplett anders als in Deutschland. Jeder Schüler hat seinen individuellen Stundenplan, der auch stufenübergreifend sein kann. Ist ein Neuntklässler also zum Beispiel ein Mathe-Ass, kann dieser auch schon für Mathe in die 10. Klasse gehen. Dieses System kann Schüler nach ihrem persönlichen Leistungsstand fördern.

Insgesamt hatte ich nur acht Fächer, also jeweils vier pro Tag. An Tag 1 standen Math, Social Studies (ein Mix aus Gemeinschaftskunde und Geographie), Orchestra und Science auf dem Stundenplan, Tag 2 bestand aus jeweils 90 Minuten Literacy (kreatives Schreiben), French, English und Physical Education (Sport). Da sich diese beiden Tage immer abwechseln, hat man nie Hausaufgaben direkt auf den nächsten Tag auf, was das Lernen sehr viel leichter macht. Klassenarbeiten in diesem Sinne gibt es nicht. Entweder wird in einem kurzen Test der Inhalt der letzten Stunde abgefragt oder man muss die Hausaufgaben abgeben. Erst am Ende des Schuljahres stehen dann die Provincial Exams an. In zwei Wochen schreiben alle Schüler Klassenarbeiten über das gesamte letzte Schuljahr. Meiner Meinung nach ist das keine gute Methode. Jeder lernt in den Wochen davor tagtäglich und hat keine Freizeit mehr. Und wenn die Klausur in die Hose geht, ist mal kurz die Note eines gesamten Jahres im Keller. Schule in Deutschland hat also auch Vorteile. Auf der anderen Seite gestalten natürlich Fächer wie Wood Work (Schreinern), Cooking, Photography im schuleigenen Studio oder Fußball als Fach den Schulalltag sehr viel bunter.

Wenigstens etwas Farbe - bei der Wetterlage in Vancouver. Ich dachte anfangs wie alle Anderen auch, dass der viele Regen ein Gerücht sein müsste, doch nach drei Wochen Dauerregen hat mich nichts mehr geschockt. Das ganze Wasser, welches die Winde vom Pazifik herbeibringen, schafft es nicht über die Berge und regnet sofort wieder ab. Es war immer wieder faszinierend, wie die Kanadier über ihr Vancouver sprechen. Regnet es ununterbrochen, schimpfen sie über das Wetter und laufen deprimiert durch die Stadt. Doch schon wenn es nur ein paar klitzekleine Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke schaffen, liegt plötzlich jeder am Strand, feiert und hat mit dem einen Tag Sonne drei Wochen Regen vergessen. Alle Aktivitäten, an die ich mich erinnern kann, haben eigentlich immer im Regen stattgefunden. Ob das Whale Watching mit den anderen Deutschen, das Snowboarden auf dem "hauseigenen" Berg von West Vancouver oder das Demonstrieren für unsere Lehrer. Ja, ihr habt richtig gehört. Wir sind nach Downtown gefahren und haben zusammen mit ein paar tausend Anderen für ein besseres Gehalt unserer Lehrer demonstriert. Die haben gestreikt und sind selbst auf die Straße gegangen. Für eine Woche schulfrei hat man sich da doch gerne stundenlang mit Plakaten in die Stadt gestellt. Leider hat der Protest unserer Lehrer nichts erreicht. Als Folge wurden alle außerschulischen und sportlichen Aktivitäten gestrichen. Für die sportverrückten Kandier eine harte Strafe. Ich habe nachmittags immer im Mädchenrugbyteam gespielt, was sehr viel Spaß gemacht hat. Ich kann jedem nur empfehlen, sich in einer neuen Umgebung sofort Hobbies wie Musik oder Sport zu suchen. Es gibt keinen besseren Weg um viele neue Leute kennenzulernen.

Wer in Vancouver lebt, ist sehr stolz auf seine Stadt, die im Jahr 2010 stehen geblieben zu sein scheint. Die Olympischen Spiele sind heute noch überall präsent und die Menschen sprechen viel über das riesige Ereignis, welches ihre Stadt noch bekannter gemacht hat. Die Kanadier sind allgemein sehr offen. Kaum sitzt man im Bus, wird gefragt wie es einem heute geht, was man gerade so macht und was alles ansteht. Anfangs fand ich es merkwürdig, von Fremden einfach angesprochen zu werden, doch irgendwann probiert man es selbst und erfährt eine Menge interessante Dinge. In Vancouver leben so viele Menschen verschiedenster Herkunft. Im 19. Jahrhundert siedelten die ersten Europäer nach Kanada, um sich auf die Suche nach Gold zu machen. Als sie auf die First Nations, also die Ureinwohner Kanadas trafen, brachten sie Tausende von ihnen um, um das Gebiet für sich zu beanspruchen. Noch heute reagieren die Kanadier sehr beschämt, wenn man sie zum Beispiel auf die Entstehung von British Columbia (Britische Kolonie) anspricht. Durch die hohe Einwanderungsrate besteht heute quasi jede Familie aus mindestens zwei Nationen. Schon allein in meiner Schule waren mindestens dreißig Nationen vertreten.

Ein großer Anteil der Bewohner Vancouvers kommt aus Asien. In Chinatown, einem Stadtteil von Vancouver, fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Diese vor allem chinesisch geprägte Wohngegend zeigt gleichzeitig auch die Schattenseiten der Metropole. Hier leben viele hunderte Obdachlose, die abseits von Downtown versuchen über die Runden zu kommen. Alleine hätte ich mich nicht getraut, durch Chinatown zu laufen. Eine hohe Kriminalitätsrate und Drogen bestimmen dort den Alltag. Mittlerweile sind es vor allem Ehrenamtliche, die sich um die Menschen kümmern und versuchen, ihnen mit allen Mitteln zu helfen. Viele können sich das Leben in Vancouver nicht leisten. Vor allem Lebensmittel sind im Gegensatz zu Deutschland fast doppelt so teuer. Da zahlt man auch mal für die Packung Milch umgerechnet drei Euro.

Für mich persönlich hat die Zeit in Kanada sehr viel gebracht. Ich bin selbstständiger geworden, habe wundervolle Menschen kennengelernt und weiß, dass ich mich in einem fremden Land genauso wohl fühlen kann wie zu Hause. Heimweh hatte ich nur ein paar Wochen am Anfang. Einen Blog zu schreiben ist eine super Möglichkeit um mit der Heimat in Kontakt zu bleiben und allen von den Erlebnissen zu erzählen. Kanada ist ein super Land um das erste Mal für längere Zeit weit weg von Deutschland zu sein. Die Oberflächlichkeit der Kanadier ist zwar anfangs befremdlich, hilft aber umso mehr sich schnell einzuleben. Jeder wird hier mit offenen Armen empfangen. So ein Auslands(halb)jahr würde ich sofort wiederholen. Jedem, der sich das auch vorstellen kann, würde ich empfehlen sich genau zu überlegen was er von einem Aufenthalt erwartet und dann auch frühzeitig mit dem Planen zu starten. Eine Organisation wie iSt war sehr hilfreich beim Planen und hat mich die ganze Zeit über unterstützt. Auch kann man sich hier für Stipendien im Ausland bewerben.

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in mein Leben "dort drüben" geben.

Viele Grüße, eure Berit